ALLGEMEINE NEWS

DiaSchau

Fotos: ©  Edition Boiselle

Zähneknirschen

Peter KreinbergPeter Kreinberg Tipp von Peter Kreinberg
 
Frage von Martina Höhndorf:
Mein 8-jähriger Wallach knirscht beim Reiten mit den Zähnen, was kann ich tun?
 
Antwort von Peter Kreinberg:
Nachdem ein Fachtierarzt bestätigt hat, dass Ihr Pferd keine Zahnprobleme hat, sollten Sie herausfinden, wann Ihr Pferd mit den Zähnen knirscht. Bei Anspannung? Oder vor der eigentlichen Aufgabe beim Warten, also durch Übereifer, oder aus Angst vor dem, was kommt? Wann knirscht es – mehr oder weniger stark? Zähneknirschen ist ein Zeichen dafür, dass ein Pferd Streß hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nicht selten zu eng verschnallte Reit- oder Sperrhalfter die Ursache für dieses Verhalten sind. Dem Pferd wird die Möglichkeit genommen, einem zu stark empfundenen Gebissdruck durch vermehrtes Nachgeben mit dem Unterkiefer die Wirkung zu nehmen. Diese negative Erfahrung festigt sich und führt in der Folge zu Verspannungen und entsprechenden Meide- oder Widerstandsreaktionen. Es wird zu einer Gewohnheit. 

Die Lösung des überwiegend mentalen Problems kann nur durch ganzheitliche Betrachtung gelöst werden. Ähnlich wie beim Menschen, der durch Yoga oder autogenes Training ruhiger und ausgeglichener wird, können Pferde bei Stress von gezieltem Gelassenheitstraining profitieren. Bei allen Übungen möchte ich das Motto „Langsam-Wenig-Richtig“ anbringen und ein zu häufig praktiziertes „Schnell-Viel-Falsch“ vermeiden. Denn Letzteres führt zu genau solchen Anspannungen.

 

   
In dieser Bildserie wird beispielhaft die Ein-Zügel-Ein-Schenkel-Übung gezeigt. Im ersten Bild werden Zügel und Schenkel einseitig richtig angelegt, im zweiten fehlerhaft, da die Hacke hochgezogen wird und der Zügel keinen Kontakt zum Maul hat.
 
 
Nach und nach wird das Pferd sich immer bereitwilliger nach vorwärts-abwärts wieder strecken und entspannen. Daraus läßt sich dann die Dehnungshaltung entwickeln, die zu mehr Losgelassenheit führt.
 
 
 
Ein Lösungsansatz
 
Das Zähneknirschen ist also ein Zeichen innerer und/oder äußerer Verspannungen, ein Symtom. Die eigentliche Ursache liegt in Verspannungen, die durch solides Vorwärts-abwärts-Dehnen gemindert oder ganz beseitigt werden können.
 
Je nach Intensität des angewöhnten Verhaltens wird es einige Zeit dauern, bis ein Pferd sich wieder komplett losläßt und sich durch die wiederholenden Übungen innerlich und somit äußerlich entspannt.
 
Mit der im folgenden beschriebenen Hilfsübung aus dem TGT-Übungsprogramm habe ich in vielen Fällen gute Resultate erreicht; ich nenne sie die „Ein-Zügel-ein-Schenkel-Übung.“ Sie kann auch Ihnen eventuell bei der Lösung Ihres Problems helfen:
 
Ein-Zügel-ein Schenkel-Nachgiebigkeit:
 
1.     In dieser Übung soll das Pferd wieder Vertrauen in die (zunächst einseitige) Gebisseinwirkung gewinnen und lernen, sich durch eine dynamische Muskeldehnung der Halsmuskeln am Gebissdruck anzupassen. Daraus wird dann nach und nach eine weiche und willige Anlehnung am Gebiss. Gleichzeitig soll es lernen, den Schenkeldruck zu verstehen,  zu akzeptieren und ihm verspannungsfrei nachzugeben.

2.   Reiter lernen mit dieser Übung, ihre Hände bewußt ruhig zu halten und mit mehr Gefühl einzusetzen. Sie lernen, mit dem Zügel nachzugeben wenn das Pferd nachgiebig wird und mit dem Bein gefühlvoll und richtig positioniert Schenkeldruck und Schenkelnachgiebigkeit mit der Wade auszuüben.
 
Aus ängänglich sehr "kopfgesteuerten" Handlungen wird durch die ruhige und selektive Wiederholung nach und nach bei Reiter und Pferd ein Automatismus des "Gebens und Nehmens", der zu mehr Vertrauen und Losgelassenheit führt.
 
  • Reiten Sie dafür im Schritt an der Bande entlang. Halten Sie mit der inneren Hand die Zügel mittig über dem Mähnenkamm, so daß die Zügelschlaufe oben ein Stück aus der Hand ragt. Mit der freien äußeren Hand gleiten Sie nun am  Zügel von oben mit der geöffneten Hand hinunter und umfassen ihn dann mit der ganzen Hand. Die Hand wird dann dicht am Widerrist an oder auf den Hals gedrückt und fest um den Zügel geschlossen. Das soll fühlbar Kontakt mit der Maulseite des Pferdes herstellen. Dieser Kontakt darf NIE zum Zug werden, sondern muss von der Hand her eine passiv festgestellte Verbindung bleiben. Sollte das Pferd mit den Zähnen knirschen oder versuchen, den Zügel aus der Hand zu ziehen, so sollte Ihre Hand unnachgiebig bleiben. Selbst dann, wenn es mit aller Kraft versuchen sollte, Ihnen den Zügel aus der Hand zu ziehen. Wichtig: dabei: nicht mit Kraft dagegen ziehen, sondern die Hand auf dem Mähnenkamm aufstützen und den Zügel festgestellt halten. Die andere Hand lässt den Zügel locker ohne direkten Kontakt zum Maul hängen. Legen Sie auf der Seite des Kontakt-Zügels ihren Schenkel mit flacher Wade an den Pferdekörper und geben Sie dynamisch damit einen Schenkeldruck mit an- und absteigender Tendenz jeweils, wenn das innere Hinterbein in der Schwebephase vortritt. Wichtig: nicht mit der Hacke bohren sondern mit der flachen Wade den Druck geben!
  • Entspannt das Pferd seine Halsmuskeln und gibt seitlich mit dem Kopf in Richtung anstehendem Zügel oder gerade rückwärts im Genick nach, so öffnen Sie sofort ihre Hand und lassen den Zügel durch die Hand gleiten. Der Schenkeldruck wird ebenfalls ausgesetzt. Daraufhin wird sich das Pferd nach vorwärts-abwärts strecken.
  • Sollte ihr Pferd den Kopf zu weit seitlich abbiegen, so können Sie mit der mittig gehaltenen Hand mit dem entsprechenden Zügel kurzfristig einen leichten Kontakt herstellen, um es zu begrenzen.
  • Klappt das, können Sie das Gleiche auf der anderen Hand, also auf der inneren Seite, praktizieren. Helfen Sie Ihrem Pferd hier mit Impulsen des inneren Schenkels. Geben Sie diese im Schrittrhythmus. So bleibt das Pferd auf dem Hufschlag, und es biegt sich etwas um den Schenkel, indem es die Muskeln der äußeren Körperhälfte entspannt.
  • Formt sich das Pferd weich dem inneren Zügel an und biegt sich um den inneren Schenkel, so können Sie vorsichtig den äußeren Zügel annehmen und auch den (verwahrenden) Schenkel anlegen. Halten Sie kurz weichen Kontakt, geben Sie dann erst die äußere und danach die innere Hand nach vorne nach. Das Pferd soll sich mit Kopf und Hals strecken.
 
Der Reiter lernt mit dieser Übung, einfühlsam und im richtigen Moment einzuwirken bzw. nachzugeben. Ich nenne das „die Kunst des Loslassens“. Beherrscht er diese Übung, so wird sein Pferd sehr bald wieder Vertrauen in die Zügel- und Schenkeleinwirkungen aufbauen und sich besser loslassen. Damit wird sich nach und nach auch das Zähneknirschen mindern oder ganz verschwinden. Die Erfahrung zeigt aber, dass diese Reaktion wiederkommen kann, wenn das Pferd wieder durch ursprüngliche Einflüsse und Eindrücke erneut unter Streß gesetzt wird.

Stark ausgeprägtes Streß- oder Meideverhalten kann häufig nur von einem erfahrenen Ausbilder korrigiert werden, der in der Lage ist, dem Pferd individuell angemessen und präzise Hilfestellung zu geben.

Dies kann auch in Ihrem Fall möglich sein. Wenn Sie also merken, dass Sie und Ihr Pferd nach einiger Zeit noch nicht weiterkommen oder das Problem sich sogar verschlimmert, sollten Sie dringend Hilfe bei einem kompetenten Ausbilder suchen.

Copyright © 2016 Peter Kreinberg. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.