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Fotos: ©  Edition Boiselle

"Klebeverhalten" positiv ändern

 

Peter KreinbergPeter Kreinberg Tipp von Peter Kreinberg

 

Frage von Christine Kanniak:
Ich habe folgendes Problem: Sobald ich meine Stute zu weit von anderen entferne, sie alleine in der Box lasse oder sie auf der Weide bleiben soll, dreht sie total durch. Sie ist nervös, schreit, rennt umher oder zieht – wenn angebunden – am Strick. Im Krankheitsfall kann ich ihr nur Ruhe gönnen, wenn ein anderes Pferd mit ihr im Stall bleibt. Was kann ich tun, damit sie sie sich in solchen Situationen wohler fühlt?

Antwort von Peter Kreinberg
„Unerwünschtes unbequem und Wünschenswertes angenehm machen“ – Ein Pferd, das nicht alleine bleiben möchte, ist ein Pferd, das „klebt“. Die Verhaltensmuster solcher Pferde sind vielfältig, deren Ursachen aber prinzipiell die gleichen: Der natürliche Herdeninstinkt ist für Pferde überlebenswichtig, denn nur in der Herde fühlen sie sich sicher. Ein Pferd versucht, sich loszureißen oder einen Zaun zu überspringen, um wieder ins vertraute Umfeld zurück zu gelangen. Es verweigert dem Menschen am Boden oder im Sattel den „Gehorsam“, lässt sich nicht führen oder leiten. Ein Pferd, das zurück will zu seinem Kumpel, setzt seine Körperkraft zunächst passiv ein, indem es sich weigert, weiter zu gehen. In fortgeschrittenen Stadien aber kann es gezieltes, aggressives Verhalten zeigen. So ein Verhalten, das meist schon im Fohlenalter entsteht, ist lästig und gefährlich für Pferd und Mensch.

In der Ausbildung von Gebrauchspferden werden diese angeborenen Verhaltensmuster deshalb in der Erziehungsarbeit modifiziert. Abhängig von der Intensität kann dieses Verhalten nur durch aktive Korrektur-Maßnahmen abgelegt werden. Wird es nicht korrigiert, eskalieren die Verweigerungshandlungen in der Regel.

Mit einer Korrektur ziele ich auf eine Bewusstseinsveränderung des Pferdes ab. Es soll lernen, Umweltbedingungen und Einflüsse bewusst und anders zu bewerten. Solche Verhaltensmuster entwickeln sich folgendermaßen:

  • Ein Pferd macht eine Erfahrung, es nimmt bestimmte Reize (mehrere unterschiedliche) wahr. Je nach Reiz entsteht ein Gefühl, das sich das Pferd (positives oder negatives) einprägt.
  • Da es, wie wir Menschen, stets den positiven Empfindungen zustrebt und die negativen zu meiden sucht, wird es aus seiner momentanen Erfahrung eine Handlung entwickeln. Erreicht es sein Ziel, eine positive Empfindung zu verstärken oder eine negative abzuschwächen, wird es das entsprechende Ergebnis in seinem Gedächtnis speichern.
  • Es kommt zu folgender Verkettung: Wahrnehmen von Reizen – positives oder negatives Gefühl  − Handlung zur Verstärkung oder Abschwächung des Gefühls − Auswertung (unbewusst) der Folgen dieser Handlung − Abspeichern des Ergebnisses im Gedächnis.
  • Wiederholen sich gleiche Situationen oder bringt eine „Einmal-Erfahrung“ ganz intensive Empfindungen, so ist schon bald nicht mehr die  Ursprungssituation nötig, um die Reaktionskette auszulösen. Nur ein Reiz löst reflexiv eine Kettenreaktion aus. War anfänglich noch eine reale Ursache der Grund für die Handlungen des Pferdes, so genügt später nur ein ähnlicher Reiz, um die Reaktionskette auszulösen. Um das Verhalten zu verändern, muss man die Verkettung unterbrechen.

Durch folgende Übungen können dem Pferd unerwünschte (falsche) Verhaltensweisen unbequem und erwünschte (richtige) angenehm gemacht werden:

  1. Ich beginne mit Anbindeübungen (sichere Bedingungen wie stabile Anbindevorichtung, verletzungssicheres Umfeld, griffiger aber weicher Untergrund usw.), bei denen das Pferd lernt, die Trennung von dem gewünschten Ort oder dem Weidepartner zu erdulden. Es kann durchaus eine oder mehrere Stunden angebunden sein, denn je kürzer die Anbindezeit, desto kleiner der  gewünschte Korrektureffekt. Diese Anbindephasen müssen zunächst täglich und regelmäßig über einige Tage hinweg (evtl. ein bis zwei Wochen) durchgeführt werden. Zeichen von Ungeduld (Scharren, Hampeln, Wiehern) weichen bald einer ruhigen Akzeptanz.
  2. Nun werden die Anbindeorte verändert, das Pferd kehrt nach dem „Ausflug“ stets in die altvertraute Umgebung zurück. In der „fremden Umgebung“ geschieht nichts Negatives, man kann sie sogar positiv gestalten und das Pferd dort aus einer Futterkrippe oder einem Heunetz fressen lassen.
  3. Unterm Sattel kann das Pferd lernen, sich im Gelände kurz von der Gruppe zu entfernen, um dann wieder zu ihr zurückkehren. Wichtig: die Mitreiter sollten helfen, gegebenenfalls anhalten und warten. Man reitet von der wartenden Gruppe ein Stück weg, wieder zu ihr hin, an ihr vorbei und wieder zurück.
  4. Man kann das Pferd in Hofnähe ein Stück ins Gelände reiten, es dort aus einem vorbereiteten Trog fressen lassen. Auch kontrolliertes Grasen-Lassen an der Hand hilft. Hierfür Halfter unterlegen und Trense entfernen.
    Über einen längeren Zeitraum angewendet, sollte sich durch diese vier Korrekturschritte eine Verbesserung des Verhaltens erreichen lassen.

Text & Fotos: RK

 

 

 

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